Nichts, was im Patendorf nicht angeboten würde. Über Hoselupf.
Tobias Martin
Das Erste, was beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest auffällt, ist die Leichtigkeit, mit der die Gastgeber dem großen Andrang begegnen. Bei Pratteln BL kannst du wirklich alles mit in die Arena nehmen, von der Teekanne über das Brotmesser bis hin zur Flachmann. Nirgendwo steht ein unausstehlicher Sicherheitsbeamter, der das verhindert – aus Angst vor Ausschreitungen oder weil der Veranstalter die bestmögliche Marge auf Essen und Trinken erzielen will. Nein, bei dieser Mischung aus Folklore, Chilby und Probenentblößung sind überall nur freundliche Helfer zu finden. Sogar die Sicherheitsleute sind gut.
Wenn wir über die Schweizerische Eidgenossenschaft sprechen, müssen Sie als erstes hineingehen. Wenn du wirklich reinkommen willst, stellt sich heraus, dass du es kannst. Der „Pay two, get three“-Trick ist so einfach wie effektiv: Zwei Personen betreten die Arena mit zwei Tickets, einer bleibt drin, der andere geht mit den Tickets wieder raus und schmuggelt den dritten Freund rein. Es gibt immer ein paar blinde Passagiere auf den Gängen, stur wie eine Eringer Kuh, die nicht bereit sind, einen Schritt von dem Ort zu tun, an dem sie geschummelt haben.
Weltklasse-Stimmung: Jubel, Rufe, Karten – die ESAF-Festhütte brodelt (01:50)
Und doch muss man sagen: Alles in allem sind Cheater eine kleine Minderheit, Wrestler sehen sich als eine richtige Gruppe. Es gibt auch einen Devisenmarkt. Seit Mittag boomt hier der Handel, überraschenderweise nicht zu den phantastischen Preisen, zu denen die wenigen Bestände wochenlang auf dem Schwarzmarkt an Leichtgläubige verkauft werden.
Aber einige wollen nicht mehr zum Schrein gehen. So wie Roman (68) aus Muri im Aargauer Freiamt, mit einem Messer vor sich, einer Mittagsjause und natürlich einem Glas Rosé. Er war bereits auf 14 Bundes- und 30 Bergschaukeln. Aber jetzt will er sich „ein bisschen mehr bewegen können“, sagt er.
Denn so ist es im Grunde auch drinnen: Die Original-Fans bleiben auf ihren Plätzen, packen ihr Picknick-Lunch aus und sitzen von morgens bis abends in der Arena. Und Roman mag das nicht mehr, also sitzt er jetzt draußen an einer Bankette und verfolgt das Treiben auf den riesigen Bildschirmen – wie tausende andere mit ihm.
Hausileuteegger bei ESAF: „Ich gehe keinen Meter, ich mache schon mein erstes Selfie“ (02:50)
Das große Geld
In Pratteln gibt es viel Patriotismus, Ländlichkeit und gepflegtes Brauchtum. Aber auch die Kasse – das Budget beträgt 42 Millionen Franken – muss stimmen. Ohne die Sponsoren wäre eine solche Pause nicht möglich, sagen alle, und viele haben einen traurigen Ton. Und als Besucher fragt man sich, ob die Firmen für die paar Tage zweistöckige Patenhäuser aufstellen sollen. Manche in Pratteln lauschen gespannt den Klängen der Alforni, während gleich daneben die Werbefigur eines Bohrmaschinenherstellers Kinder oder Betrunkene umarmt. Original Schweizer Romantik neben originellen Kommerzexzessen. Man muss es sagen: Wrestling ist mittlerweile, wie andere moderne Sportarten, das große Geld. Sponsoring ist allgegenwärtig und kommt in allen Farben und Formen vor. Da ist der Weg des Gigantismus, wie ihn die Basler Kantonalbank gewählt hat, mit einem 15 Meter hohen, 2000 Quadratmeter großen Festzelt, in dem 850 Gäste an weiß gedeckten Tischen bewirtet werden können. Andere verfolgen eine margenschwächere Strategie, wie etwa das Agribusiness Syngenta. Der Pestizidhersteller begrüßt die Besucher mit unschuldigen Töpfen. Eine Angelegenheit, die er natürlich auch verwalten möchte, sind die Live-Preise, nämlich der Sieger-Muni und seine Herde. Eine beeindruckende Anzahl von Tieren hat künstliche Namen, die sie an die Unternehmen erinnern sollen, die sie bezahlen. Wer sonst würde sein Rind ernsthaft „Landina“ oder „Salina Helvetica“ nennen?
Tierschützer und Russen
Tierschützer stellen sich dann vor der Siegermunition auf. „Wir sind nicht gegen die Tradition, sondern gegen die Ausbeutung von Tieren“, begründet ein Aktivist den Protest. Sie halten sich Plakate vor die Brust, sie haben sich modisch den örtlichen Gegebenheiten angepasst, sind also in Tracht aufgetreten. Nur ihr Timing ist nicht optimal, denn der Stall ist meist menschenleer, die meisten Tiere werden in die Arena getrieben. Auch die Gesänge der Demonstranten sind nicht besonders laut. Die meisten Besucher interessiert das alles nicht, wenige schreien etwas Unhöfliches, irgendwann kommt die Securitas und die Polizei wartet sorgsam im Windschatten. Kriegssymbol “Z” bei ESAF: “Das gehört nicht auf den Schwingplatz!” (01:12) Niemand will hier schlechte Bilder produzieren, mit Leuten in Handschellen oder ähnlichem, weil es schon am Vortag ein politisches Missgeschick gegeben hat. Bei der Parade, bei der eine Gruppe russischer Frauen in traditionellen Kostümen marschierte und russische Fahnen schwenkte, zeigte eine von ihnen Putins Kriegssymbol, ein großes Z. Eine weitere Attraktion ist natürlich der Tempel der Geschenke. Die Menschen sind hier so gedrängt, dass die Besucherströme nur in eine „Einbahnstraße“ gelenkt werden können. Auch Huggel Beni, wie man im Swing sagt, also Beni Huggel – ehemaliger Basler Fussballer, jetzt TV-Experte – will sich ein Bild machen für Motorräder, Kloschüsseln und Klingeln. Welchen Preis würde jemand wählen, der als Sportler (fast) alles gewonnen hat? „Der handgeführte Rasenmäher“, sagt Tshaker natürlich. Unterdessen zeigen die Steinstossers, dass die Welt nicht gerecht ist. Egal, wie sehr sich Redner Roland Stähli anstrengt, egal welchen Spruch er auspackt (“Hier kommt der Alte, er hat ein bisschen graue Haare, aber das macht ihn zum Mann”) – sein Sport wird immer im Schatten stehen. 100 Zuschauer hier, über 50.000 in der Arena. Trotz Enttäuschung bei ESAF: Das begeistert Bob-Olympiasieger Hefti am Stein (01:54) Und dann waren da noch die Brautjungfern. Da es auf dem Fest einen unverkennbaren Männerüberschuss gibt und nur wenige Jungs auf die Frauen in Tracht zugehen, ist die Frage erlaubt: Flirtet die Frau als Trauzeugin mit vielen? „Es läuft gut. Darin sind wir geübt“, entgegnen sie und lachen selbstbewusst. Sie nehmen ihr Wort dafür. So schwer ist Christian Stucki: Blick-TV-Reporter Kreuzheben 145kg (04:29) OK-Präsident Thomas Weber: „Nach der ersten Stunde machten die Wilden Probleme“ (02:50)